Nach meiner Meinung war die Schweiz, zumindest was künstliche Intelligenz und KI-Souveränität betrifft, kein First Mover sowie auch bei einigen anderen Tech-Revolutionen (ja, das WWW wurde in CERN erfunden, aber durch den britischen Physiker Tim Berners-Lee). Die Schweiz ist selten laut aber oft verlässlich, ob beim digitalen Finanzplatz, bei medizinischer Technologie oder im Umgang mit Cryptos und Blockchain. Die Innovationskraft in der Schweiz ist oft nicht auf Geschwindigkeit, sondern auf Stabilität und Qualität ausgelegt. Genau das braucht es jetzt auch bei der künstlichen Intelligenz in der Schweiz, um unsere Souveränität in einer bewegten Zeit zu sichern. Die Förderung der KI-Souveränität ist von entscheidender Bedeutung für die digitale Zukunft der Schweiz.
Zusätzlich zur bestehenden Strategie sollten Initiativen zur Stärkung der KI-Souveränität angestossen werden, um die Unabhängigkeit der Schweiz in der digitalen Welt weiter zu festigen. Die KI-Souveränität in Europa erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen den Staaten, um eine kohärente Strategie zu entwickeln.
Nach Teil 1 (Datenkolonialismus) und Teil 2 (Wege zur KI-Demokratie für Nutzer und Unternehmen) richtet sich der Blick nun auf die nächste Ebene: Was kann die Schweiz als Staat tun, um ihre digitale Souveränität im KI-Zeitalter und im Kontext der KI-Souveränität zu sichern?
**Europas KI-Offensive und die Position der Schweiz**
Die Schweiz sollte sich aktiv an der Formulierung von Rahmenbedingungen beteiligen, die die KI-Souveränität unterstützen. Ein verstärkter Fokus auf KI-Souveränität wird es der Schweiz ermöglichen, ihre digitale Identität zu bewahren und sich im globalen Wettbewerb besser zu positionieren. Ein zentrales Ziel der Schweiz sollte die Förderung der KI-Souveränität sein, um unabhängig von externen Einflüssen zu handeln.
Am Pariser KI-Gipfel im Februar dieses Jahr wurde die strategische Imperativ der EU zur KI deutlicher den je; mit dem Ziel eine unabhängige europäische KI-Landschaft zu erschaffen. Die EU möchte weniger von USA und China in Sachen künstlicher Intelligenz werden. Kurz zusammengefasst möchte die EU mit folgenden Massnahmen aufholen (siehe auch dazu den Beitrag der Tagesschau vom 9.4.2025):
- Investitionen in eigene Rechenzentren
- Chipfabriken
- Open-Source-Initiativen
Und was macht die Politik in der Schweiz? Sie denkt mit, wenn auch später, vorsichtiger. Die Schweizer Politik denkt in relevanten Dimensionen. Bundesrat Albert Rösti betonte anlässlich des KI-Gipfels die grossen Chancen, die KI für Gesellschaft und Wirtschaft bietet. Gleichzeitig müssten technologische, geopolitische und gesellschaftliche Risiken umfassend adressiert werden. Die Schweiz setze sich für eine inklusive, multilaterale KI-Governance ein, die den Bedürfnissen der Bevölkerung und der Industrie gerecht werde.
Die Abteilung Digitale Schweiz ist Teil der Bundeskanzlei und ist für die Koordination und Weiterentwicklung für die Umsetzung der Strategie 'Digitale Schweiz' zuständig. Wenn man auf deren Webseite in das Fokusthema 'Künstliche Intelligenz' eintaucht, sieht man sehr schnell, welche Massnahmen und Aktionen geplant sind: Plattformen wie SwissGPT, Initiativen wie SCION (cyberlink), dem SDSC (Swiss Data Science Center) und der SwissChips-Initiative; es existieren bereits konkrete Bausteine einer souveränen digitalen Schweiz. Jetzt gilt es alle Bausteine koordiniert zusammenzuführen und einen spürbaren Nutzen für Gesellschaft und Wirtschaft zu entfalten.
**Warum Spätstarter jetzt strategische Vorteile haben**
Insgesamt kann die KI-Souveränität der Schweiz dazu beitragen, ein robustes digitales Ökosystem zu schaffen. Die Entwicklung einer klaren Strategie zur KI-Souveränität sollte Priorität haben, um die Eigenständigkeit der Schweiz zu fördern.
Aktuell werden 70% aller KI Plattformen in USA entwickelt (taggeschau.de). Somit ja, Europa und die Schweiz haben die erste Phase der KI-Welle verpasst. Doch das ist nicht zwingend ein Nachteil. Die aktuellen grossen Modelle wie OpenAI's ChatGPT, Google's Gemini, Anthropic's Claude sind gewaltig, sehr fortgeschritten, aber auch: energieintensiv, teuer, datenhungrig.
China hat auf den Druck aus dem Westen reagiert, die Chancen der generativen KI erkannt und unter Importrestriktionen DeepSeek und weitere KI Modelle entwickelt, das leichter, effizienter, kontrollierbarer und OpenSource ist. In kürzester Zeit gewann DeepSeek eine weltweite hohe Bekanntheit.
Was lehrt das uns? Es ist möglich, gute KI Modelle auch effizienter zu entwickeln. Wenn Entwickler nicht auf die besten und neusten NVIDIA Chips zurückgreifen können, dann wird der Fokus auf Effizienz gelegt. Die Schweiz könnte genau hier ansetzen:
- Smart AI: KI, die auf fundierte Wissensquellen statt nur auf Web-Crawls trainiert wird.
- Green AI: Energieeffiziente Modelle, betrieben mit erneuerbarer Energie.
- Efficient AI: Modelle, die mit schlankem Code und weniger Rechenleistung gleichwertige Resultate erzielen.
First Mover zu sein, bedeutet eine Lernkurve durchzumachen. Für die latenten Einsteiger wird es aber essentziell sich rechtzeitig auf den Zug zu steigen und sich zu positionieren.
Gemäss der Theorie von Clayton Christensen besteht das zentrale Dilemma darin, dass etablierte First-Mover-Unternehmen zu sehr auf bestehende Kundenerwartungen und inkrementelle Verbesserungen fokussiert sind. Disruptive Technologien hingegen entstehen in einem anderen Wertesystem; meist in Nischenmärkten (wie z.B. in der Schweiz) mit geringeren Anforderungen und werden von etablierten Anbietern oft unterschätzt. Sobald diese Technologien jedoch ein ausreichendes Leistungsniveau erreichen, dringen sie mit hoher Geschwindigkeit in den Massenmarkt vor und verdrängen die einst führenden Anbieter.
**Warum die Schweiz auf fundiertes Wissen statt Social-Media-Rauschen setzen sollte**
Meta hat kürzlich angekündigt, KI-Modelle künftig auch mit öffentlichen Daten aus Plattformen wie Instagram zu trainieren. Viele reagierten skeptisch, denn wer sich durch die Inhalte scrollt, sieht nicht gerade einen Wissensschatz: Desinformation, Clickbait, Oberflächlichkeit und Trends, die morgen schon vergessen sind. Doch vielleicht geht es Meta gar nicht um die Inhalte selbst. Sondern um etwas Tieferes: die Art, wie wir kommunizieren; Meta trainiert nicht (nur) auf Fakten – sondern auf Kultur. Instagram & Co. zeigen, wie Menschen heute sprechen, reagieren, denken.
Für eine KI, die möglichst natürlich wirken soll, ist das wertvoll:
- Sprachgebrauch, Slang, Ironie
- soziale Dynamiken, Likes, Shares
- multimodale Muster zwischen Text, Bild und Ton
Das Ziel ist klar: eine KI, die sich menschlich anfühlt und nicht nur intelligent ist. Aber genau das macht sie auch anfällig für Manipulation. Denn wer wie wir spricht, kann auch wie wir täuschen.
Deshalb ist es umso wichtiger, dass in der Schweiz andere Standards gelten:
- Datenräume mit Qualität
- Training auf Klarheit, Kontext und Vertrauen
- Modelle, die der Wahrheit verpflichtet sind, nicht dem Algorithmus
Die Schweiz muss nicht populärste KI bauen. Aber sie sollte die verlässlichste bauen.
Die Schaffung von Datenräumen, die die KI-Souveränität unterstützen, muss vorangetrieben werden.
**Vier Hebel für eine souveräne Schweizer KI-Strategie**
Es ist etwas gewagt die Chancen für die Schweizer KI-Souveränität auf vier Punkte zu reduzieren. Vermutlich bestehen weitaus mehr, als ich es derzeit aus meiner persönlichen Erfahrung erkennen kann. Aber diese vier Assets, sollten wir auf jeden Fall ausspielen, wenn wir in der KI-Welt gewisse Souverinität gewinnen und uns behaupten wollen.
Datenräume & Vertrauen als Standortfaktor
Souveräne Schweizer Infrastruktur
Leichte, effiziente, spezialisierte KI-Modelle
Klare Rolle des Staates als Enabler
1\. Datenräume & Vertrauen als Standortfaktor
- Die Schweiz ist weltweit bekannt für Datenschutz, Diskretion und Stabilität.
- Diese Eigenschaften lassen sich auf KI-Trainingsdaten, Modellanwendung und Cloudhosting übertragen.
- Eine zertifizierte Schweizer Datensouveränität könnte ein Exportschlager werden, nicht als Gesetz, sondern als System.
2\. Leichte, effiziente, spezialisierte KI-Modelle
- Auf OpenSource KI setzen und das Rad nicht neu erfinden, z.B. mit Finetuned LLaMA auf Dialektdaten.
- Statt Multimodale Milliarden-Parameter: CH-spezifische Modelle für Recht, Verwaltung, Bildung.
- Ziel: Semantische Präzision > brute-force Leistung
3\. Souveräne Schweizer Infrastruktur
- Nutzung bestehender Rechenzentren (z. B. Green.ch, Exoscale)
- Hosting und Open-Source-Kollaboration (SwissGPT von AlpineAI, Employee GPT von Connect AI)
- Förderung effizienter KI-Bereitstellung auf grüner Energie
4\. Klare Rolle des Staates als Enabler
- Nicht alles selbst machen aber koordinieren, ermöglichen und grenzüberschreitende Allianzen schaffen
- Nationale Infrastrukturstrategie für vertrauenswürdige KI
- Verknüpfung von Bildung, Wirtschaft, Forschung und Verwaltung
Fazit: Zwischen Anspruch und digitaler Realität
Dieser Beitrag ist so etwas wie ein Plädoyer für eine souveräne, effiziente und vertrauenswürdige KI-Strategie in der Schweiz. Doch ein nüchterner Blick auf das politische und administrative Tagesgeschäft zeigt (siehe Beitrag von Republik 'Wie Big Tech in Bundesbern polarisiert'): Die Realität sieht oft widersprüchlich aus. Während Bundesämter über „digitale Souveränität“ diskutieren, laufen Milliardenaufträge an US-Tech-Konzerne wie Microsoft, Amazon, Alibaba und Oracle. Rahmenverträge bleiben geheim. Wichtige Bundesapplikationen, vom Spendenregister bis zur Zollsoftware, werden auf fremden Clouds betrieben. Und obwohl viele Politikerinnen und Experten längst eine Kurskorrektur fordern, zögert der Bundesrat; aus Rücksicht auf die USA.
„Die Schweizer Politik spricht oft von Unabhängigkeit, agiert aber oft wie ein digitaler Nachzügler im Orbit der Tech-Grossmächte.“
Genau deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt, den Kurs neu zu setzen. Nicht aus Trotz. Sondern aus Weitblick. Denn wir haben:
- starke Forschung,
- wirtschaftliche Mittel,
- gesellschaftliches Vertrauen und die Chance, ein alternative Modelle hervorzubringen
Ein stärkerer Fokus auf KI-Souveränität würde der Schweiz helfen, die Abhängigkeit von ausländischen Technologien zu reduzieren. Die Schweiz könnte als Vorbild für andere Länder in der Förderung der KI-Souveränität fungieren. Weil KI-Souveränität ist mehr als nur ein Schlagwort; es ist eine Notwendigkeit für die Zukunft der Schweiz. Die Integration von KI-Souveränität in alle gesellschaftlichen Bereiche wird entscheidend für den Erfolg sein. Internationale Kooperationen sind wichtig, um die KI-Souveränität zu stärken.
Die Schweiz hat die Chance, nicht der grösste, aber der relevanteste Akteur im europäischen KI-Ökosystem zu werden. Was sie dafür braucht? Mut zur Koordination und den politischen Willen, den eigenen Worten Taten folgen zu lassen. Jetzt wäre der richtige Moment, den Unterschied zu machen, bevor andere es für uns tun.
![KI-Souveränität jetzt - 4 Wege wie die Schweiz ihre digitale Unabhängigkeit sichert [Teil 3/3]](https://dkmvadaypxiaxwfkbghz.supabase.co/storage/v1/object/public/articles/428dc5e2-662c-41bb-baf9-3160eb3c64dc/schweizer-ki-souveraenitaet-dragon-and-eagle.jpg)



