KI-Demokratie ist mehr als ein Modewort. Sie ist eine Notwendigkeit, wenn wir verhindern wollen, dass wenige Tech-Giganten über unsere digitale Zukunft entscheiden. Schon 2016, mitten im Aufschwung der Blockchain-Technologie und des Internets der Dinge, formulierte ich in meiner Masterarbeit eine Hoffnung: Dass vernetzte Technologien, insbesondere dank Public Blockchain, die Machtverhältnisse im digitalen Raum neu ordnen könnten. Transparent, dezentral und demokratisch.
Heute, fast ein Jahrzehnt später, wirkt diese Vision wie eine ferne Erinnerung. Die Strukturen, gegen die ich damals anschreiben wollte, sind zurückgekehrt. Doch sie tragen ein neues Gewand: Generative KI-Plattformen, die mit enormer Geschwindigkeit wachsen, sind heute mächtiger, undurchsichtiger und zentralisierter denn je.
**Ohne unsere Daten hat die KI keine Grundlagen**
Tech-Giganten wie OpenAI, Meta, Google, xAI und andere sammeln unsere Daten nicht heimlich. Sie tun es, weil wir sie ihnen freiwillig zur Verfügung stellen. Jeder Prompt, jedes hochgeladene Bild und jede Interaktion füttert ihre Modelle – oft ohne dass wir genau wissen, was mit unseren Daten geschieht. Das Perverse daran: Für viele dieser Dienste zahlen wir sogar monatlich. Wir finanzieren also Plattformen, die unsere Daten verarbeiten, analysieren und monetarisieren – bezahlt mit unserer Kreativität, unserer Zeit und unserem Geld.
Die Monetarisierung bleibt dabei intransparent. Zwar investieren Unternehmen Milliardenbeträge für den Zugang zu diesen KI-Modellen – wie etwa Microsofts Beteiligung an OpenAI zeigt –, doch die eigentlichen Datenlieferanten, also wir, bleiben aussen vor. Dabei ist klar: Ohne unsere Daten wäre diese KI nichts.
Dieses Machtgefälle folgt einem Prinzip, das der belgische Theoretiker Michel Bauwens im Rahmen seiner P2P Foundation als Netarchical Capitalism bezeichnete. Es beschreibt eine digitale Herrschaftsstruktur, in der Plattformbetreiber von gemeinschaftlich erzeugten Werten profitieren, ohne diese gerecht zu verteilen. In meiner Masterarbeit über Blockchain of Things griff ich dieses Modell auf, um aufzuzeigen, wie dezentrale Technologien ein Gegengewicht schaffen könnten.
Heute zeigt sich: Wir stehen erneut an einem Scheideweg. Doch diesmal mit noch grösserer Dringlichkeit. Denn wer heute die KI kontrolliert, bestimmt morgen unsere Realität.
**Die vier Modelle der Technologiemacht und warum nur drei davon unsere Zukunft sichern**
Nicht jede Technologie schafft automatisch Fortschritt. Entscheidend ist, wer sie kontrolliert, wer daran verdient und wer sie mitgestalten kann. Bereits 2007 beschrieb der belgische Vordenker Michel Bauwens ein Modell, das vier unterschiedliche Formen digitaler Wertschöpfung unterscheidet. Seine Matrix ist heute aktueller denn je – besonders im Kontext von Künstlicher Intelligenz.
Im IBM/Swisscom-Workshop von 2016 wurde dieses Modell auf die Blockchain-Ökonomie übertragen. In meiner Masterarbeit zu Blockchain of Things griff ich es auf, um zu zeigen, wie vernetzte Systeme gerechter gestaltet werden könnten. Heute lässt sich die Logik eins zu eins auf das KI-Ökosystem übertragen.
Netarchical Capitalism
\[NC\]
Zentrale Plattformen kontrollieren Daten, Infrastruktur und KI. Gewinne fliessen an Konzerne, nicht an die Gesellschaft.
Beispiele: OpenAI, Meta, Google, xAI, Anthropic
Bewertung: Ist-Zustand – demokratisch problematisch
**Global Commons**
**\[GC**\]
KI-Modelle sind offen, zugänglich und überprüfbar. Entwicklung erfolgt transparent und gemeinschaftlich.
Beispiele: Stable Diffusion, Hugging Face, EleutherAI
Bewertung: **Zukunftsfähig – braucht mehr Förderung**
**Resilient Communities**
**\[RC\]**
Lokale Gruppen oder Gemeinden kontrollieren eigene KI-Systeme, zugeschnitten auf regionale Daten und Bedürfnisse.
Beispiele: Lokale Sprachmodelle, Dialekt-KI, kommunale Plattformen
Bewertung: **Dezentral, souverän, nachhaltig**
**Distributed Capitalism**
**\[DC**\]
Nutzer:innen erhalten Beteiligung für ihre Daten und Nutzung. Entscheidungen werden demokratisch über DAOs getroffen.
Beispiele: Ocean Protocol, SingularityNET, DePIN-Projekte
Bewertung: **Innovativ, aber noch unreif**
Warum nur drei Modelle Zukunft haben
Netarchical Capitalism ist kein Zukunftsmodell – sondern das Problem. Es führt zu digitaler Abhängigkeit, Intransparenz und Machtkonzentration. Es bietet kaum Mitbestimmung und verstärkt bestehende Ungleichheiten. Die drei Alternativen GC, RC und DC zeigen Wege auf, wie KI wieder zum Gemeinwohl beitragen kann. Sie stehen für:
Transparenz statt Blackbox
Mitgestaltung statt Fremdbestimmung
Lokale Kontrolle statt globaler Abhängigkeit
Klingt abstrakt? Ist es nicht. Jede:r von uns kann heute etwas tun – selbst wenn Sie kein Tech-Genie sind. Hier die simplen Schritte, die wirklich etwas bewirken.
**3 Wege, wie wir die Kontrolle über KI zurückgewinnen**
Theorie ist wertvoll, aber erst in der Umsetzung entfaltet sie ihre Wirkung. Die drei Modelle Global Commons (GC), Resilient Communities (RC) und Distributed Capitalism (DC) bieten nicht nur alternative Denkansätze, sondern lassen sich bereits heute anwenden. Hier zeige ich dir, wie diese Ideen konkret in die Praxis übersetzt werden können und wie jede:r von uns Teil dieser Veränderung wird.
1\. Open-Source-KI nutzen und fördern (Global Commons)
Die einfachste Möglichkeit, KI gerechter zu gestalten, ist der Wechsel zu offenen Modellen. Plattformen wie Hugging Face, EleutherAI oder Stable Diffusion zeigen, dass hochwertige KI nicht zwingend proprietär sein muss.
Was du tun kannst:
• Verwende Open-Source-Modelle für deine Projekte oder Recherchen
• Unterstütze Projekte durch Spenden, Beiträge oder Mitentwicklung
• Vermeide unnötige Abhängigkeit von geschlossenen Systemen
2\. Lokale KI-Projekte aufbauen (Resilient Communities)
Gemeinden, Bildungsinstitutionen oder Unternehmen können heute eigene Sprachmodelle oder Assistenten entwickeln – auf Basis regionaler Daten, kontrolliert vor Ort. Das reduziert Abhängigkeiten und erhöht Datenschutz und Relevanz.
Beispiele:
• Lokale Dialekt-KI in der Schweiz
• Chatbots auf Gemeinde-Websites, trainiert mit lokalem Wissen
• Schulinterne Lernassistenten, die auf eigene Inhalte abgestimmt sind
Tools: LocalLLaMA, PrivateGPT, Connect AI
3\. Mitentscheiden & profitieren durch Token-Modelle (Distributed Capitalism)
Daten haben Wert – und dieser sollte nicht nur Konzernen zufallen. Projekte wie Ocean Protocol oder SingularityNET arbeiten an Infrastrukturen, in denen Nutzer:innen für ihre Beiträge entlohnt werden und sogar mitbestimmen können.
Was das bedeutet:
• Du erhältst Tokens, wenn du Daten beisteuerst
• Du kannst über die Weiterentwicklung der Plattform abstimmen
• Du bleibst Eigentümer deiner Daten – und Teil eines faireren Systems
Fazit & Ausblick
Wir müssen uns nicht mit zentralisierten KI-Strukturen abfinden. Global Commons, Resilient Communities und Distributed Capitalism sind keine Utopien – sie existieren. Und sie brauchen unsere Aufmerksamkeit, Unterstützung und Beteiligung.
Jeder Prompt, den du an eine offene KI richtest, ist ein kleiner Schritt zur digitalen Souveränität.
Why it matters – und was als Nächstes kommt
Die Frage ist nicht mehr, ob wir KI demokratisieren können – sondern wie konsequent wir es tun wollen. Die Werkzeuge existieren. Die Modelle sind bekannt. Jetzt liegt es an uns, die digitale Zukunft mitzugestalten, statt sie nur zu konsumieren.
Was ich mich frage: Wären die KI-Innovationen überhaupt möglich, wenn Profit, also all die NC-Companies, nicht im Vordergrund stehen würde?
Ob als Entwickler:in, Bürger:in oder Organisation – jede Entscheidung zählt. Vom verwendeten Modell bis zum Ort der Datenspeicherung. KI-Demokratie beginnt im Kleinen – und wächst durch uns.




